Posts mit dem Label Willkommen im Leben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Willkommen im Leben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. August 2017

Wiederbelebung




7 Monate. Und davor ein Jahr. Solange habe ich die Kamera nicht angerührt. Kein einziges Foto geschossen. Höchstens mit dem Handy. Und auch da nur irgendwelche Fotos in Bezug auf die Hausrenovierung: Wo wurden welche Leitungen verlegt? Welches Werkzeug brauchen wir aus dem Baumarkt? Wo wurden welche Dübel verspachtelt? Solche Dinge. Noch nicht mal Vorher-Nachher-Bilder der einzelnen Zimmer, sondern ganz pragmatisch. Im November waren wir dann in Urlaub, da wurde die Kamera wieder ausgepackt. Und die Bilder noch nicht mal auf den PC übertragen. Keine Lust, keine Zeit… irgendeine Ausrede findet sich immer. 


Ein Jahr lang haben wir renoviert. Und tun es eigentlich noch immer. Also nicht ich, sondern der Mann. Ich helfe ab und zu, wenn der Liebste es alleine wirklich nicht hinbekommt. Und nach dem Jahr war es, wie ich bereits berichtet habe, schwierig wieder einen Alltag zu finden, der nichts mit Arbeit zu tun hat. Man ist gehüllt in Zwänge und Pflichten. Und es fällt schwer, wieder zum alten Ich zu finden. Loszulassen. Einfach mal wieder etwas tun, das entspannt, bei dem man abschalten kann. Nicht der Haushalt oder Garten oder sonst irgendeine Verpflichtung. Denn Fakt ist: so ein Haus ist schon ganz schön viel Arbeit. Viel mehr als die klitzekleine Wohnung. 



Und es ist ja auch nicht nur das Haus. Ich habe die Position gewechselt, mehr Verantwortung, mehr Pflichten, mehr Arbeit, mehr Überstunden. Und ich habe eine Weiterbildung angefangen. Abends, nach der Arbeit. Lernen, lesen, Prüfung. 2 von 3 habe ich bereits hinter mir. Eine steht noch aus im Dezember.
Ich habe zumindest recht schnell wieder angefangen zu lesen. Und mit „angefangen zu lesen“ meine ich, ich habe jedes Buch förmlich inhaliert. Ich bin Heim gekommen und hab mich mit einem Buch auf die Couch gelegt. Und dort den ganzen Abend verbracht. Mein Bedürfnis abzuschalten war so hoch, dass ich nur noch mit Buch unterwegs war und sogar in der Mittagspause gelesen habe. Je stupider das Buch, desto besser. Bloß nicht nachdenken. Bloß nicht zu hochtrabend. Bloß nicht anstrengend.


Und kürzlich, da hat es wieder gekribbelt in den Fingern. Man liest einen Text, der das Herz berührt und die Farben im Kopf spielen lässt. Man hat ein Bild im Kopf und will die Kamera zücken. Sofort. Natürlich kommt dieser Gedanke in den unpassendsten Momenten. Beispielsweise nachts beim Einschlafen. Oder ganz weit weg von dem Ort, den man eigentlich braucht für das Bild. Oder in der komplett falschen Jahreszeit. 


Ist ja aber alles egal. Es hat gekribbelt. Man holt die Kamera raus. Man hält sie in der Hand. Man merkt, wie gut sie sich darin anfühlt, knipst im Zimmer rum. Löscht die Bilder wieder. Man legt die Kamera wieder hin, schläft erst mal und nimmt sie dann bei der nächstbesten Gelegenheit mit. Beispielsweise beim nächsten Heimaturlaub. Fotografiert die Kinder, die Natur. Man merkt, wie die Augen sich wieder öffnen, wie man die Umgebung wieder nach schönen Motiven absucht, wie man die Natur anders wahrnimmt. Und plötzlich entdeckt man beim Autofahren ein Sonnenblumenfeld und radelt am nächsten Samstag hin, um ein paar Fotos zu machen. Gut, die sind leider wirklich gar nix geworden (schlechtes Licht und Starkstrommast im Hintergrund). Aber ich hab das Gefühl, dass ich wieder viel mehr wahrnehme. 



Zuhause bin ich durch mein Bilderarchiv durchgegangen. Hab das ein oder andere Foto entdeckt, das noch auf dem Laufwerk unbeachtet herumlag. Hab die Fotos vom letzten Urlaub wenigstens mal rüber gezogen. Ich habe ein paar Fotos bearbeitet (vom vorletzten Urlaub). Und den Blog hier versucht wiederzubeleben. Ein Foto pro Woche gibt es zumindest schon mal bis September. Die Texte… ja, die Texte schreiben sich leider nicht  von selbst. Dafür muss man Ideen haben. Vielleicht kommen die Ideen. Bis dahin wird es zunächst nur die wöchentlichen Bilder geben. Immer samstags. Und wenn mich die Muse küsst, dann gibt es dazwischen auch mal einen Text. Oder eine Serie. Oder was ganz anderes, verrücktes… wer weiß?


Und an dieser Stelle gibt's eben erstmal einfach ein paar der alten Bilder vom Laufwerk.



Dienstag, 5. Januar 2016

Stillstand


Weihnachtszeit. Jahreswechsel. Zeit der Besinnlichkeit. Zeit zum Nachdenken. Über das letzte Jahr. Über das kommende Jahr. 
Mein Bruder schrieb mir letztens eine Nachricht, die mich sehr ins Grübeln gebracht hat. Er schrieb: „Mich hat der Artikel irgendwie einfach bewegt: Patente Patentante Hab mir irgendwie gedacht - es wär so cool mal wieder mit dir spät nachts dazusitzen und über aktuelle Themen zu quatschen. […] Lange Rede, kurzer Sinn - Versteh es nicht falsch - klar, ihr seid mit dem Haus voll ausgelastet. Mir ist einfach nur aufgefallen, dass ich dich schon saulange nicht mehr in relaxter Atmosphäre erlebt habe“.

Also habe ich mir den Artikel selbst nochmal durchgelesen. Und plötzlich denkt man darüber nach, was zwischen August 2012 und heute alles passiert ist. Und er hat Recht. Wenn ich darüber nachdenke, hat alles mit meinem Job angefangen. Pendelzeiten von 3h täglich lassen einem nicht mehr viel Zeit für Alltägliches. Hinzu kam die psychische Belastung, aber das ist ein anderes Thema. Und nach dem Jobwechsel wurde es auch nicht ruhiger. Gesundheitsthemen in der Familie, die kirchliche Hochzeit, die innerhalb von 6 Monaten organisiert werden wollte und ich viel selbst gemacht habe (aber auch das ist ein anderes Thema). Das Haus, das wir gekauft haben und noch immer renovieren, hat uns dann den letzten Rest gegeben. Der Blog hier ist eingeschlafen. Ich habe Bilder auf meinem Laptop, die habe ich mir noch nicht mal angeschaut, geschweige denn bearbeitet. Wie denn auch? Im letzten Jahr habe ich meine Familie kaum gesehen. Lediglich an den wichtigsten Feiertagen sind wir mal zu ihnen gefahren. Unsere Väter haben wir zwar öfter gesehen, da sie uns unheimlich viel geholfen haben, doch das hat nichts mit entspanntem Zusammensein zu tun. Dabei wohnen wir gerade mal eine Autostunde entfernt. 

Als wir im August in das Haus eingezogen sind, haben wir zunächst mal alles auf den Speicher gepackt. Der Druck ist weg, seitdem es keine Deadline mehr gibt. Und das ist auch gut so. Doch die ersten Tage ohne Pflicht etwas zu renovieren haben mich überfordert. Was macht man denn mit der freien Zeit? Was hab ich früher denn gemacht? Wie habe ich meine Zeit genutzt? 

Früher habe ich fotografiert und die Bilder bearbeitet. Ich habe gebastelt, gebacken, andere Blogs gelesen, mich inspirieren lassen. Ich habe gelesen. Doch das alles musste über ein Jahr lang liegen bleiben. Und plötzlich hat man einen Nachmittag Zeit. EIN NACHMITTAG! Das reicht weder, um meine Fotos auf Vordermann zu bringen, noch um die anderen Dinge zu machen. Zumal das meiste Zeug eh auf dem Speicher ist. Bis ich das alles gefunden hätte, wäre der Nachmittag vorbei gewesen. Und somit habe ich wieder nichts von dem gemacht, was ich früher gemacht hatte. 


Als ich mir für den Urlaub Bücher kaufen wollte, war ich von der Auswahl schier erschlagen. Während ich früher ständig in der Buchhandlung stand und somit immer wusste, welches Buch ich als nächstes lesen wollte, hätte ich mich dieses Mal am liebsten geradewegs umgedreht ohne etwas zu kaufen. Nicht, weil ich kein Buch finden konnte, sondern weil es DAS Buch sein musste. Das erste Buch, nach langer Zeit. Und dann auch noch für den Urlaub. Das heißt, es durfte nicht zu kurz aber auch nicht zu dick und schwer sein. Es musste spannend sein, aber nicht langatmig und doch zwei Wochen lang durchhalten. Ich wusste, dass neue Bände von Serie erschienen sind, die ich bereits gelesen hatte. Doch welcher Band war der letzte? Sind in der Zwischenzeit vielleicht sogar zwei neue Titel erschienen? Und somit habe ich mich selbst erneut unter Druck gesetzt. Freizeitstress.

Die Kunst ist, in solchen Momenten durchzuatmen und nochmal alles locker anzugehen. Ich habe mich letztendlich für zwei Bücher entschieden. Und demnächst wird ein Kindle angeschafft, auch wenn ich grundsätzlich gegen diese Dinger bin (der Geruch eines Buches, das am Strand gelesen wurde, mit Knicken im Einband und Sand der aus den Seiten rieselt, ist unbezahlbar und weckt alle Erinnerungen aus dieser Zeit wach).

Mittlerweile ist ein halbes Jahr vergangen, seitdem wir eingezogen sind. Es ist immer noch nicht fertig. Aber ich habe immer mehr Abende an denen ich nicht renovieren muss. Und mittlerweile habe ich auch zu meinen alten Freuden gefunden. Ich habe angefangen, die Fotos aus dem letzten Urlaub zu sortieren und zu bearbeiten. All die Fotos von 2013 bis 2015, habe ich erstmal liegen lassen. Die kann ich auch noch bearbeiten, wenn ich wieder Lust darauf habe. Ich habe angefangen, ein Urlaubsfotoalbum zu basteln. Ich habe Plätzchen gebacken. Und jetzt schreibe ich diese Zeilen. Vielleicht belebt das mich und meinen Blog wieder. Vielleicht schaffe ich es, wieder regelmäßig zu schreiben und zu posten. Und vielleicht werden mein Bruder und ich im Sommer wieder ganz ausgelassen Fußballspielen und miteinander rangeln wie kleine Kinder. 

Frohes neues Jahr!

Sonntag, 23. Juni 2013

Sonntag, 2. Juni 2013

Sonntag, 26. Mai 2013

34 {Dublin}




Vom 10.-13. Mai waren wir in Dublin. Schon lange angedacht, jetzt endlich in die Tat umgesetzt.

Die Stadt ist der helle Wahnsinn! Es ist sehr viel kälter. Es hat mindestens 5 Mal täglich geregnet (und zwar aus allen Richtungen. Ein Schirm hat nicht viel gebracht.). Aber genauso plötzlich, wie es geregnet hat, ist auch die Sonne herausgekommen und hat sich sowie die Stadt von ihrer schönsten Seite gezeigt.

Und wie war unser Eindruck? Grün! Sehr, sehr freundliche Menschen (man wieder immer freundlich angesprochen in diversen Pubs)! Regen! Historisch! Leben! Chaotisch!

Das Busfahren hat sich als Herausforderung gezeigt und wir sind letztendlich doch mehr gelaufen. Wir haben KEINE Kerrygold-Butter bekommen. Guiness ist wirklich eine ekelhafte Plörre, aber das Stout von Oharas hat sich als durchaus lecker erwiesen. Schön war's!

Die nächsten Wochen folgen also diverse Fotos der Reise. Hier zu sehen: Der Campus des Trinity College (wo man auch das durchaus sehenswerte Book of Kells finden kann - wir sind da irgendwie reingerutscht, in einer Horde Chinesen. Vermutlich weil wir so chinesisch aussehen und nicht weiter aufgefallen sind).

Freitag, 10. August 2012

Patente Patentante

Am Wochenende stand bei uns eine Taufe auf dem Programm. Genauer gesagt zwei Taufen. Doppeltaufe. Und es war wirklich ein ganz toller Tag!


Die Kinder (und wir anderen natürlich auch) wurden rausgeputzt, die Sonntagskleider wurden rausgeholt, die Sonne schien und es waren wirklich nur die wichtigsten Personen anwesend: Kinder, Eltern, (Ur-)Großeltern, Paten und Geschwister.

Zufällig war an dem Tag vor der Kirche ein Kindergartenfest und somit ging's als Belohnung auf die Hüpfburg. Allerdings nicht sonderlich lange, denn erstens waren wir hungrig und zweitens waren die Kinder müde aufgrund des ausgefallenen Mittagsschläfchens.

Nach dem Essen wurde ausgiebigst gespielt: Fußball, Puppen, Seifenblasen, Rasen rupfen (mit den Händen) und mit der Schubkarre transportieren, Kaufladen, etc. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. So, wie man es bei Oma und Opa am liebsten hat. Spielen, spielen, spielen, essen, spielen, spielen, kurz kuscheln und weiter spielen. Bis man vor Müdigkeit umfällt.


Und oh! Was hab ich mich gefreut Patin zu werden! Was für ein tolles Gefühl! Im Vorfeld habe ich viel darüber nachgedacht. Darüber, was ich meinem Patenkind mitgeben will. Wie ich mich aktiv an seinem Leben beteiligen kann, ohne ihn zu bevorzugen. Ich habe mein Patenkind nicht lieber als die anderen. Ganz und gar nicht. Jeder ist auf seine Weise ganz besonders. Und besonders liebenswert. Jeder hat seine Macken, seinen Charakter, seine Vorlieben, seine Talente.



Der Große ist sehr bedacht. Er kombiniert und denkt nach. Er liebt Autos. Und Bälle. Und die Feuerwehr. Er rennt am liebsten. Er rennt viel. Wenn schlechtes Wetter wird und wir nicht raus können, wird er unruhig. Er malt gerne und zeigt dann stolz seine Kunstwerke. Er sorgt sich um andere. Der Vernünftige. Der Große eben. Er winkt seinen Papa in die Parklücke - mit 3 Jahren! Er spielt gerne mit anderen Kindern und hat keine Scheu auf sie zuzugehen. Er passt auf seine Schwester und seine Cousine auf. Er nimmt ihre Hände, wenn er neben ihnen steht. Einfach so. Reflexartig. Wenn sich mein Bruder und ich beim Fußballspiel rangeln (weil wir das gerne machen, weil wir eigentlich schon viel zu erwachsen sind, aber so wieder Kind sein können), dann nimmt er den Fußball und ruft "Bitte nicht streiten!". Harmoniebedürftig. So sehr, dass er sein Spielzeug auch gerne her gibt. Er schläft gerne und viel. Und er ist ausgeglichen. Kein Hitzkopf. Nicht laut, eher leise. Aber er tobt trotzdem gerne und viel. Er bewundert seinen Papa. Und er sieht aus wie sein Papa.


Seine Schwester ist ein Wirbelwind. Sie musste das Wichtigste früh lernen, um mit ihrem Bruder mithalten zu können: Laufen und Sprechen. Und sie spricht viel! Sie plappert und plappert. Alles wird kommentiert. Ihr Bruder wird vom Schlafen abgehalten, weil sie plappert. Ein schönes Geplapper. Ihr fallen Dinge auf, die wir (Erwachsenen) nicht sehen und sie macht uns auf vieles aufmerksam. Und genauso gerne wie sie redet, hört sie auch zu: Geschichten sind ihre Schätze. Das Buch "Der Grüffelo" konnte sie auswendig aufsagen, da war sie noch keine zwei Jahre alt. Sie liebt Puppen und die Farbe pink. Alle Puppen, die Oma im Haus hatte wurden in eine Tasche gestopft. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit und sie hat auch bestimmt eine Stunde lang probiert. Aber sie hat es geschafft (auch wenn die oberste Puppe im wahren Leben einen Genickbruch erlitten hätte). Sie ist aufbrausend und dickköpfig, sie zieht ihr Ding durch, aber ihr Lachen ist so ansteckend, dass wir alle losprusten sobald sie kichert. Sie hüpft und springt wie ein Gummiball. Lässt sich von nichts abhalten. Kennt keine Angst. Saust Rutschen runter, vor denen ihr großer Bruder Respekt hat. Sie ist vorne mit dabei.


Und die Kleine? Sie ist eben die Kleine. Noch ein bisschen naiv im Vergleich zu den beiden anderen. Und tapsig. Aber clever ohne Ende. Sie liebt alle in der Familie. Als einzige von den Dreien kuschelt sie mit wirklich jedem. Und als einzige geht sie zu dem Onkel vor dem sich wirklich jedes Kind fürchtet (auch ich habe mich als Kind vor ihm gefürchtet). Am meisten aber liebt sie ihren Cousin und Cousine. Sie singt für ihr Leben gerne. Und schaut gerne Bücher an. Ihre (ungewöhnlich rauhe) Stimme hat einen Grad der Bestimmtheit, wenn sie ihren Willen durchsetzen will, der alle aufhorchen lässt. Sie ist ein bisschen ängstlich, aber ständig am lachen. Sie steht gerne vor der Kamera, wie auch dahinter. Ein typisches Mädchen. Mag Schminke und Haare kämmen, schöne Kleider und Schuhe mit Absatz. Sie treibt gerne Schabernack (der Spitzname "kleiner Teufel" kommt nicht von ungefähr), gibt oft den Ton an, ist aber in einer fremden Umgebung schüchtern. Was sie sagen will, kann sie mitteilen, den Rest sollen die anderen sich zurecht reimen. Gekrabbelt ist sie so gut wie nie. Man musste mit ihr an der Hand laufen. Überall hin. Auch unter Tischen durch. Wenn sie einen entdeckt, nachdem man sie länger nicht gesehen hat, läuft sie auf einen mit ausgebreiteten Armen zu und will in den Arm genommen werden. Wie im Film. Das ist das Schönste.


Patin zu sein ist wie verheiratet zu sein. Man braucht es nicht unbedingt, um jemanden zu lieben, aber es fühlt sich ganz toll an, wenn man es ist. Es ist wie Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt. Und wie Bratäpfel im Winter. Man kommt gut ohne aus, aber es ist viel, viel schöner, wenn man es erleben darf.

 In diesem Sinne: Schön, dass es Euch gibt, liebe Kinder!








Freitag, 20. Juli 2012

Nomen est Omen, Klappe: die Zweite


Seit unserer Hochzeit habe ich einen neuen Namen. Einen ur-deutschen Namen. Er ist so deutsch, dass er in einem krassen Gegensatz zu meinem vorherigen (polnischen) Namen steht.  Aus Rosa Brokkoli wurde sozusagen Rosa Kartoffel. Der Germanisierungsprozess ist abgeschlossen. Keiner fragt mehr, woher ich komme. Plötzlich werde ich im Gespräch damit angesprochen, während früher das direkte Ansprechen vermieden wurde. Ich muss zwar immer noch buchstabieren, aber nur noch einmal und nicht mehr zehn Mal die Reihenfolge der verschiedenen Vokale und Konsonanten aufzählen. Keine verhunzte Aussprache (wobei die noch nicht mal schwierig war, kein rz, sz, cz kommt vor. Nur ein y und das wird wie ein kurzes i und nicht wie ein ü ausgesprochen!). Und es fühlt sich komisch an, dass alles plötzlich so einfach ist. Wann ist es wohl soweit, dass ich mich daran gewöhne? Und so einfach war es bis hierhin gar nicht.



Am 07. Juli 2012 jährte sich unsere Ankunft in Deutschland zum 26. Mal. Meine Eltern erzählen uns ab und zu von damals, der Zeit im Sozialismus. Es ist oft schwer nachzuvollziehen, weil wir so etwas nicht kennen. Beispielsweise das Gefühl in den Supermarkt zu fahren, um Zucker zu kaufen, der aber nicht da ist und deshalb mit Mehl zurück zu kommen. Das Gefühl,  das mein Vater hatte, als er mit meinem Bruder im Laden stand, dieser Schokolade wollte, aber nicht verstehen konnte, warum er sie nicht gekauft bekam, obwohl sie offensichtlich im Regal lag und mein Vater auch genügend Geld dabei hatte. Wie erklärt man einem Fünfjährigen den Sinn und Zweck von Essensmarken? Das Gefühl, mit einer Flasche Wodka doch noch Benzin zu bekommen, obwohl der Tankwart angeblich keines mehr hat. Sowieso alles mit Wodka zahlen zu müssen und deshalb mit dem besten Freund im Keller schwarz Schnaps zu brennen. Das Gefühl, für den Studienabschluss eine schlechtere Note zu bekommen, weil man kirchlich geheiratet hat. Ständig auf der Hut sein zu müssen, Sperrstunden, neugierige Nachbarn, ständige Beobachtung. 



Die Eltern meiner Mutter waren (und sind es natürlich noch immer) Deutsche. "Wo sollten wir denn sonst hingehen nach dem Krieg? Wir wollten einfach nur nach Hause", sagt meine Oma immer, wenn sie von ihrer Rückkehr nach Schlesien erzählt.  Irgendwann um 1980 durften sie und ihre unverheirateten Kinder (zwei meiner Onkel) nach Deutschland zurück. Meine Mutter und ihr älterer Bruder mussten mit ihren Familien da bleiben. Besucht wurde so oft es ging, allerdings immer mit Einschränkungen: ein Elternteil und ein Kind mussten zur Absicherung in Polen bleiben. Vor der Deutschlandreise mussten Ausreisegenehmigungen und Visen beantragt werden, nach der Reise mussten diese wieder abgegeben werden. Und bei dieser Gelegenheit wurde man gleich mal verhört und musste Deutschland schlecht machen. Von harmonischem Familienurlaub also keine Spur. 1986 wurde es meinem Vater zu bunt: soweit ich mich an die Erzählungen erinnere, hatte meine Mutter und mein Bruder bereits eine Ausreisegenehmigung erhalten. Er hätte wieder in Polen bleiben müssen. Kurzerhand beantragte er für die restliche Familie einfach so auch Genehmigungen. "Was soll denn das? Ich kann nicht mal mit meiner Frau und meinen drei Kindern meine Schwiegereltern besuchen!", erzählte er. Was in dem Beamten vorging, der den Antrag bearbeitete, weiß niemand, aber mein Vater hielt kurz darauf fünf Visa in der Hand. 



Die Entscheidung fiel schnell. Niemand durfte davon erfahren. Außer den engsten Familienmitgliedern wusste niemand über die Entscheidung Bescheid. Das Auto wurde gepackt: lediglich ein paar Sommersachen und eben das "Nötigste" kamen mit. Der Rest (Möbel, Kleidung, Freunde, Beruf und Familie) musste zurück bleiben. Mit gerade mal Mitte 30 gaben meine Eltern ihr Leben auf. Ein gutes Leben. Aber kein freies Leben. Und fuhren in einem rostroten Dreitürer (bei dem ich mir immer wünschte, mein Papa möge doch bitte auch hinten Türen rein schneiden) und drei Kindern auf der Rückbank in Richtung ungewisse Zukunft.
Jobs in Aussicht: 0.
Wohnung in Aussicht: 0. 
Sprachkenntnisse: keine.



Wir zogen zunächst bei meinen Großeltern ein. Meine Eltern besuchten die Sprachschule, mein älterer Bruder kam in die 5. Klasse der Hauptschule (und war eindeutig unterfordert, weshalb er dann in Klasse 7 schnurstracks aufs Gymnasium kam), mein jüngerer Bruder in die erste Klasse und ich mit meinen drei Jahren in den Kindergarten. Ich lernte schnell Deutsch und so kam es, dass meine Eltern trotz Sprachschule irgendwann nicht verstehen konnten, was ihr eigenes Kind zu ihnen sagte. Mein Vater, früher Direktor einer Grund- und Hauptschule, schulte um. Meine Mutter absolvierte ein Anerkennungsjahr und bekam in dem Kindergarten, in dem ich war, eine Stelle. Beide arbeiteten hart. Sehr hart. Und erfüllten sich, und vor allem uns, nach gerade mal sieben Jahren den Traum vom Eigenheim. 



Man könnte uns als "erfolgreich integriert" bezeichnen. Wir sind deutsch. Wir fühlen uns deutsch. Wir denken auf deutsch. Beim WM-Spiel Deutschland gegen Polen 2006 drückten wir Deutschland die Daumen. 1987 haben wir unsere polnische Staatsangehörigkeit abgegeben und dafür die deutsche angenommen. Das war aufgrund der deutschen Abstammung meiner Mutter vermutlich einfacher als bei manch anderen, kostete aber trotzdem einen Haufen Geld. Als Kind habe ich mich oft gefragt, was ich bin: Polin? Deutsche? Nirgendwo schien ich hundertprozentig dazuzugehören. Nicht richtig deutsch, nicht richtig polnisch. Irgendwo dazwischen. Erst mit 20 wusste ich: Ich bin Deutsche - mit polnischen Wurzeln. Ich kenne nur deutsche Sprichwörter (wenn auch weniger, als Leute mit deutschen Wurzeln), habe ein paar der Meisterwerke der großen Dichter und Denker Deutschlands gelesen (dagegen nur ein einziges Polnisches und das auch nur in der deutschen Übersetzung), meine Muttersprache ist deutsch (nicht polnisch! Niemals!),  ich habe nunmal mein Leben hier verbracht. Alles war gut. Keiner hat dieses Gefühl je zur Diskussion gestellt, denn ich kenne viele, die von sich behaupten, sie wären nicht deutsch, obwohl sie eine ähnliche Geschichte haben wie ich. Alles war gut.



Bis ich im Januar unsere Ehe anmelden wollte. Plötzlich wollte das Standesamt Karlsruhe jede Menge 25 Jahre alten Papiere sehen. Vollkommen unnötig. Einfach nur so, weil sie es so wollten. Plötzlich war ich nicht mehr deutsch sondern Polin. Eine vertriebene Polin mit deutscher Staatsangehörigkeit. An dieser Stelle nur kurz: es hat geklappt. Ich musste, nach langen Diskussionen, keines dieser Dokumente vorlegen. Und: ich bin verheiratet. Durch und durch Deutsche. Mit polnischen Wurzeln.
Und während ich mich also langsam an den neuen Namen gewöhne und täglich erstaunt bin, wenn mich jemand so nennt, denke ich jedes Mal an meinen Mädchennamen. Daran, was erst alles passieren musste, damit ich die werde, die ich heute bin. Daran, was meine Eltern (für mich) auf sich genommen haben. Welchen Mut sie aufbringen mussten, welche schwierigen Entscheidungen sie treffen mussten und wie stark sie sein mussten. 
Dafür: 
Danke.